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Gefährdungsanzeige als Lehrkraft: So schützt du deine Gesundheit im Schulalltag

Inhaltsverzeichnis

Ungesunde Arbeitsbedingungen in der Schule

Fast täglich erzählen mir Lehrkräfte von den belastenden Arbeitsbedingungen in ihrer Schule: Sei es ein total marodes Schulgebäude oder die Tatsache, dass Vertretungsunterricht zum Dauerzustand wird, weil schlichtweg Lehrkräfte fehlen.

Und meistens höre ich dann, dass viele Kolleg:innen sich den Arbeitsbedingungen in der Schule ausgeliefert fühlen. 

Das stimmt aber nicht: Du hast als Lehrkraft ein Recht auf gesunde Arbeitsbedingungen, das ist gesetzlich verankert.

Und wenn du bereits alles Mögliche versucht hast, um eine belastende Situation zu ändern, wenn du mit der Schulleitung und mit dem Lehrerrat gesprochen hast und sich trotzdem nichts bessert, dann hast du eine weitere Möglichkeit: Du kannst eine Gefährdungsanzeige stellen.

Im Interview: Wibke Poth

Wibke Poth VBE NRW
Wibke Poth, Foto: Silvia Kriens

Wibke Poth ist im Podcast meine Gesprächspartnerin zum Thema „Gefährdungsanzeige“. 

Sie ist Grundschullehrerin, langjährige Personalrätin, Vorsitzende des Hauptpersonalrats Grundschule in Nordrhein-Westfalen und stellvertretende Landesvorsitzende im VBE.

In unser Gespräch bringt sie  ihre Zuständigkeit für Berufspolitik und Gesundheit ein. Denn sie arbeitet genau an den Schnittstellen, an denen Schule, Arbeitsbedingungen und Belastung zusammentreffen.

Hör doch mal rein ...

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Gefährdungsanzeige in der Schule: Was ist das?

Die Gefährdungsanzeige, oft auch Belastungsanzeige oder Überlastungsanzeige genannt, ist ein Instrument, mit dem du deinen Arbeitgeber auf ein Gesundheitsrisiko aufmerksam machst.

Der Begriff „Gefährdungsanzeige“ selbst steht so nicht im Gesetz. Die Grundlage liegt im Arbeitsschutzgesetz, Paragraph 17. Dort ist festgehalten, dass Beschäftigte berechtigt sind, dem Arbeitgeber Vorschläge zu allen Fragen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes bei der Arbeit zu machen.

Genau darauf baut die Gefährdungsanzeige auf. Sie teilt also nicht nur einfach mit: „Ich bin gestresst“, sondern: „Hier liegt eine Situation vor, die meine Gesundheit gefährden kann.“

Wann ist eine Gefährdungsanzeige das Mittel der Wahl?

Sinnvoll wird eine Gefährdungsanzeige immer dann, wenn du eine belastende Situation schon benannt hast und sich trotzdem nichts verändert.

Bevor du eine Gefährdungsanzeige stellst, solltest du auf dem „kleinen Dienstweg“ auf Mängel oder Überlastung hinweisen:

Die Gefährdungsanzeige ist also nicht der erste Schritt, sondern ein weitere Maßnahme, wenn bisherige Versuche nicht gereicht haben.

Beispiele für Gefährdungsanzeigen in der Schule

Im Gespräch macht Wibke Poth deutlich, dass zwischen physischen und psychischen Belastungen unterschieden werden kann.

Eine Gefährdungsanzeige kann also aufgrund von schulischen Arbeitsbedingungen gestellt werden, die die körperliche und/oder mentale Gesundheit gefährden.

Hier ein paar konkrete Beispiele aus dem Schulalltag, die wir im Interview ausführlicher besprochen haben.

Gesundheitsgefährdende Mängel im Schulgebäude

Schultoilette

Hier geht es nicht nur um ein Gefühl von Unwohlsein, sondern um sehr konkrete Bedingungen, die in einem Gebäude bestehen können und die Beschäftigten täglich betreffen.

Gerade in Schulen mit alter Bausubstanz kann das bedeuten, dass du dich permanent an einem Ort bewegst, der schlicht nicht gesundheitsförderlich ist.

Lärmbelastung

Gestresste Lehrerin vor den Sommerferien

Ein weiteres Thema ist die Lärmbelastung. Im Interview sprechen wir darüber, dass es in Schule nicht einfach nur um „ein bisschen Lautstärke“ geht.

Die Lärmbelastung durch ganz normalen Unterricht mit Eigentätigkeit von Schüler:innen übersteigt die empfohlene Lautstärke bei weitem.

Und das ist nicht die „Schuld“ der Lehrkraft. Trotzdem wird Lehrkräften in der Praxis oft zugemutet, solche Bedingungen einfach über Unterrichtsgestaltung auszugleichen.

Das ist nicht nur sehr zynisch, sondern auch in vielen Schulen gar nicht möglich. Wenn man an Schulgebäude denkt, in denen die Akustik von Anfang an schlecht ist oder in denen alte Fenster, Holzböden und dünne Türen den Lärm noch verstärken. 

Vertretungsunterricht als Dauerzustand

Lehrerin Mental Load

Vertretungsunterricht wird zum Dauerzustand, Klassen werden zusammengelegt, fachfremder Unterricht wird nötig, weil der Unterricht sonst nicht abgedeckt werden kann.

Hier geht es um Belastungsfaktoren, die sowohl deine körperliche als auch deine mentale Gesundheit gefährden können.

Denn das alles hat nicht nur Auswirkungen auf deinen Stundenplan, sondern auch auf deine Erholungszeiten und deine Berufszufriedenheit.

Wenn du ständig irgendwo einspringen musst, bleibt weniger Zeit für Vor- und Nachbereitung, für Elterngespräche und für die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern.

Der Frust nimmt zu, wenn du deinen Unterricht nicht wie geplant durchführen kannst.

Die Erschöpfung wächst, wenn du nicht nur für deine eigene Klasse, sondern auch für fremde Lerngruppen Verantwortung übertragen bekommst.

Die Gefährdung liegt hier also nicht nur in der Mehrarbeit selbst, sondern darin, dass bedeutsame Aspekte deines Berufs in den Hintergrund treten, weil der bestehende Lehrkräftemangel durch dich und deine Kolleg:innen aufgefangen werden muss.

Zu große Klassen und Personalmangel

Zu große Klassen und zu wenig Personal: Gerade diese Faktoren sind oft schwerer zu greifen, weil sie nicht an einem einzelnen Mangel sichtbar werden, sondern als ständige Überforderung im Hintergrund wirken.

Trotzdem gehören sie zu den typischen Situationen, in denen eine Gefährdungsanzeige sinnvoll sein kann. Sie sind leider kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem im Schulsystem.

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In diesem Kurs lernst du Schritt für Schritt, wie das geht.

Workbook: Nein sagen, gesunde Grenzen setzen nicht nur im Schulalltag. Material zum Online-Workshop
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Gefährdungsanzeige: Schritt für Schritt-Anleitung

Bei Lärmbelastung könntest du etwa beschreiben, dass der Raum dauerhaft zu laut ist, dass sich Schülerinnen und Schüler nicht gut konzentrieren können und dass auch du körperlich darunter leidest. Dann nennst du die möglichen Folgen, zum Beispiel Stress oder häufigere Erkrankungen, und führst auf, welche Maßnahmen du schon ausprobiert hast, etwa Ruherituale oder eine Lärmampel. Wichtig ist dabei nicht, möglichst dramatisch zu schreiben, sondern nachvollziehbar und sachlich.

Bei vielen Vertretungsstunden würdest du entsprechend deutlich machen, dass deine Kernaufgaben darunter leiden. Die Folge kann sein, dass du weniger Zeit für Vorbereitung, für Elterngespräche oder für deine eigentlichen Unterrichtsaufgaben hast. Genau diese sachliche Verbindung zwischen Belastung und Auswirkung ist der Kern der Anzeige. 

Wie die Gefährdungsanzeige Veränderungen im Schulsystem anstoßen kann

Das Einreichen einer Gefährdungsanzeige ist keine Garantie dafür, dass sich an deinen belastenden Arbeitsbedingungen etwas ändert. Leider.

Dennoch kann die Anzeige der gesundheitsgefährdenden Umstände in deiner Schule wichtig sein.

Denn sie sorgt für Sichtbarkeit.

Wenn viele Schulteams das gemeinsam tun, erzeugen sie eine Datenlage, die von der Politik zur Kenntnis genommen werden muss.

Durch eine Häufung von  Gefährdungsanzeigen wird deutlich, dass Belastung in der Schule nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern oft ein systemisches.

Wibke Poth spricht im Interview auch darüber, dass eine auffällige Häufung von Anzeigen an einer Schule unter Umständen dazu führen kann, dass die Schulaufsicht Kontakt aufnimmt und Unterstützung angeboten wird. Das zeigt: Das Instrument kann etwas in Bewegung setzen, auch wenn der Weg nicht immer geradlinig ist.

Und genau deshalb ist die Anzeige sinnvoll. Nicht, weil sie alles löst, sondern weil sie klares Signal setzt: So kann es nicht weitergehen.

Wer schreibt hier eigentlich?

Hallo, ich bin Martina Schmidt, Expertin für Burnout-Prävention, Coachin, Resilienztrainerin und Ex-Lehrerin.

Ich unterstütze dich dabei, den Druck aus deinem Schulalltag herauszunehmen. Damit du gesund bleibst und mehr Energie hast für die Dinge, die dir am Herzen liegen.

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